Die Wolfsgrubermühle

Raum18 sitzt im ehemaligen Chefbüro einer Mühle, die es so nicht mehr gibt. Das Direktionsgebäude steht gegenüber dem Mühlengelände — es hat den Krieg überstanden, die Mühle nicht.
Was dabei leicht untergeht: Das Haus in der Mühlstraße 18 ist älter als fast alles, was ihm heute Gesellschaft leistet. Ein langgestreckter zweigeschossiger Bau mit Walmdach, verputztes Erdgeschoss, Fachwerk darüber, errichtet im späten 17. Jahrhundert. Viermal hat es die Adresse gewechselt, ohne sich einen Meter zu bewegen.
Und es ist längst nicht das erste Bauwerk an dieser Stelle, das von der Wasserkraft lebte. Die reicht hier deutlich weiter zurück — die folgende Zeitleiste beginnt deshalb nicht bei der Mühle, sondern bei ein paar Holzpfählen im Flussbett.
Bevor hier jemand tagte
Die Geschichte dieses Ortes beginnt nicht mit der Mühle und erst recht nicht mit uns. Sie beginnt im Wasser.
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um 1000
Pfähle im Flussbett
Bei der Regulierung des Flusses kommen 1963 alte Holzpfähle zum Vorschein. Fachleute untersuchen die Nägel darin und datieren sie auf 800 bis 1000 Jahre. So lange wird an dieser Stelle schon Wasserkraft genutzt — lange bevor jemand von einer Wolfsgrubermühle sprach.
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1314
Der erste Müller
In den Fürther Urkunden wird erstmals ein Müller erwähnt. Die oberen und unteren Mühlen an der Pegnitz sind die ältesten der Stadt.
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1394
Papier und Schleifsteine
Der Pfinzing-Atlas verzeichnet hier eine Papier- und Schleifmühle. Gemahlen wird an dieser Stelle also längst nicht nur Getreide.
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1621
Eine Münzprägestätte
Conrad Stutz richtet im rechten Nebengebäude der unteren Mühle eine Prägeanstalt und die Wohnung des Münzmeisters ein.
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spätes 17. Jh.
Die Mühlstraße 18 entsteht
Ein langgestreckter zweigeschossiger Bau mit Walmdach: verputztes Erdgeschoss, Fachwerk darüber. Das ist das Haus, in dem Sie heute tagen — und es steht bis heute unter Denkmalschutz, Aktennummer D-5-63-000-936.
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1723
Die Familie Eckart
Peter Eckart besitzt die Mühle; über anderthalb Jahrhunderte bleibt sie in der Familie. 1737 entsteht das Wirtschaftsgebäude in der Nummer 31 aus Sandstein, mit dem Hauszeichen des Müllers.
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1792
Hausnummer 165
So lautet die erste überlieferte Adresse dieses Hauses. Es wird nicht die letzte bleiben.
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1827
Hausnummer 157
Die Nummern der Stadt werden neu vergeben. Im selben Jahr entsteht aus dem Koppenhof die Mühlgasse.
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1860
Mühlgasse 7
Die dritte Adresse. Aus Nummern werden Straßennamen.
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1890
Mühlstraße 18
Die vierte Adresse in knapp hundert Jahren — und die, die geblieben ist. Das Haus hat sich nicht bewegt, nur alles ringsum.
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spätes 19. Jh.
Spiegel schleifen
In den Nummern 23 und 25 werden Spiegel poliert. Das Quecksilber dieser Jahre steckt bis heute im Boden.

Der Mühlenhof: Fachwerk, eine Schubkarre, spielende Kinder. -
um 1900
Die Wolfsgrubers
Die Familie Wolfsgruber übernimmt die Mühlen — und gibt ihnen den Namen, unter dem sie bis heute laufen. Bis 1943 mahlt hier Mehl für die umliegenden Gemeinden.
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1911
Turbinen statt Wasserräder
Die alten Räder werden ausgebaut. An ihre Stelle kommen zwei baugleiche französische Schneider-Schaquet-Turbinen, die jahrzehntelang laufen.
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1912/13
Das Turbinenhaus
Architekt Georg Böhner baut den eingeschossigen Zweckbau, in dem die Turbinen stehen.
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1942
Ein Bunker im Hof
Michael Wolfsgruber lässt ihn aus Ziegeln errichten. Ein Jahr später wird sich zeigen, wofür.
11. August1943
Bei einem schweren Luftangriff zerstören Brandbomben die Mühle, das Lager und das Turbinenhaus. Vom Mühlenbau bleibt die Fassade stehen, dahinter der Himmel. Nur das kleine Fachwerkhaus in der Nummer 23, die untere Mühle aus dem späten 18. Jahrhundert, kommt vergleichsweise glimpflich davon.
Das Chefbüro auf der anderen Straßenseite steht noch. Sie arbeiten heute in einem der Häuser, die diese Nacht überstanden haben.

Achtzig Jahre Zwischennutzung
Wiederaufbau, Stillstand, ein Dutzend Pläne — und irgendwann zwei Räume, in denen man arbeiten kann.
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1945–47
Der Wiederaufbau
Architekt Richard Kohler baut die Mühle wieder auf — roter Backstein, Flachdächer. Mit der Architektur davor hat das wenig gemein. Als Zeugnis des Wiederaufbaus steht der Bau heute selbst unter Denkmalschutz.
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1956
Noch ein Feuer
Im sechsgeschossigen Mühlenbau bricht ein Brand aus. Diesmal hält die Feuerwehr ihn auf.
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1970
Die Straße wird zerschnitten
Der Königsplatz-Durchbruch und die Henri-Dunant-Straße teilen die Mühlstraße in zwei Hälften. Verbunden sind sie seither nur durch eine Fußgängerunterführung — der Grund, warum man uns beim ersten Mal so leicht verfehlt.
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1972
Das Mahlen hört auf
Die Meyermühle AG Landshut kauft den Mühlenbau und verlagert die Produktion vollständig in die Foerstermühle. Nach rund sechshundert überlieferten Jahren wird an dieser Stelle kein Mehl mehr gemahlen.
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1977
Die Wasserkraft bleibt
Die Kraftanlage wird separat verkauft — und läuft bis heute. Rund 390 Kilowatt Leistung, etwa 2,4 Gigawattstunden im Jahr. Der Fluss, der die Mühle antrieb, macht daraus jetzt Strom.
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1984
Zurück in die Nummer 18
Das Haus stand leer. Nachfahren der Familie Wolfsgruber beziehen es wieder.
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1980er
Die Grünen ziehen ein
Erst das Parteibüro, später auch die Stadtratsfraktion — im ehemaligen Chefbüro der Mühle.
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1990er
Hier entstand eine Büste
Die Künstlerin Eva Herrmann arbeitet in diesen Räumen, unter anderem an der Ludwig-Erhard-Büste, die heute am Ludwig-Erhard-Bau steht.
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späte 1990er
Ein Kino, das nie kam
Für das Mühlengelände wird ein Multiplexkino geplant. Es scheitert — unter anderem daran, dass die Abluft der Tiefgarage in die Wohnzimmer der Nachbarn geleitet werden sollte.
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2002
Wein in den Direktionsräumen
Eine Weinhandlung übernimmt die Räume.
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2006/07
Zwei weitere Entwürfe
Erst ein Seniorenheim für 160 Bewohner, dann ein Wohnungsumbau der Münchner Architekten Deubzer König + Rimmel. Beides bleibt Papier.
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2012
Abriss im März
Das alte, durch Vandalismus verfallene Mühlengebäude wird abgetragen.
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2013–21
Acht Jahre Atelier
Künstlerinnen und Künstler arbeiten in der Nummer 18. An den Künstlertagen darf man hineinschauen — für viele Fürther der erste Blick in diese Räume.
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2018
Die Stadt kauft
Im Dezember erwirbt Fürth das Gelände für die Erweiterung des Heinrich-Schliemann-Gymnasiums. Zur selben Zeit schlägt die Familie Grimmer, die die Wasserkraftanlage betreibt, ein Hotel vor.
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2020
Die Wolfsgrubermühle GmbH
Die Familie Grimmer, Malte Iversen und Philipp Streng — zuvor an den Malzböden und am Grünen Baum beteiligt — treiben die Planung voran.
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2021
Aus dem Chefbüro wird Raum18
Der denkmalgeschützte Teil wird saniert: Substanz erhalten, Holzvertäfelungen aufgearbeitet, große Teile des Mauerwerks erneuert. Beim Öffnen der Wände kommt heraus, was hundert Jahre Betrieb hinterlassen haben.
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2024
Die Mühle wächst wieder
Im Sommer wird der Umbau genehmigt: rund 70 Hotelzimmer auf sieben Geschossen, eine Skybar auf dem Dach, Restaurant und Café darunter. Nach fünfzig Jahren Stillstand bekommt das Gelände gegenüber eine Zukunft.
Sieben Aufnahmen
Mehr ist von der alten Mühle nicht geblieben als ein paar Fotografien — die meisten davon Abzüge, die irgendwann in einer Schublade lagen. Zum Vergrößern anklicken.


Das Gelände bekommt seine Höhe zurück
Ein halbes Jahrhundert lang hatten alle Pläne für das Mühlengelände denselben Gedanken: höher bauen. Gebaut wurde keiner davon. Seit Sommer 2024 liegt die Genehmigung vor — und wenn sie umgesetzt wird, steht in ein paar Jahren wieder ein Bau dort, der über die Altstadt schaut.
Vorher und nachher
Sechs Monate Umbau, aufgenommen an denselben vier Stellen. Ziehen Sie den Regler.








Was hundert Jahre Betrieb hinterlassen
Hinter den Paneelen lag nicht nur Mauerwerk. Vieles davon liegt noch dort — es stört ja niemanden.
So war eine der internen Telefonleitungen beschriftet. Wo dieser Anschluss lag, weiß heute niemand mehr — aber er muss ganz oben in der Mühle gewesen sein.
Stoff statt Kunststoff
Stromleitungen, deren Isolierung noch aus umwickeltem Gewebe besteht. Jahrzehnte vor der ersten Kunststoffummantelung verlegt.
Gleichstrom aus der Mühle
Dicke fünfadrige Kabel versorgten das Haus mit Strom, als das Mühlrad noch lief. Die Mühle war ihr eigenes Kraftwerk.
Die Leitung nach drüben
Interne Telefonleitungen verbanden das Chefbüro mit der Mühle auf der anderen Straßenseite — eine Direktverbindung ohne Amt.
Sie sitzen im Chefbüro
Unter den aufgearbeiteten Paneelen liegt Cat7-Netzwerktechnik, die Elektrik ist neu, fürs Internet sorgt Unifi-Technik von Ubiquiti, für Musik ein Sonos-System mit möglichst unauffällig platzierten Lautsprechern — einer davon sitzt in der Wand. Die Wände selbst haben ihren von der Zeit geprägten Putz behalten. Deshalb sieht es hier aus, wie es aussieht.

Jahreszahlen, Namen und Denkmalangaben nach den FürthWiki-Artikeln „Wolfsgrubermühle“ und „Mühlstraße 18“; alles zum Umbau 2021 aus erster Hand.
